Sie erzwang kein Gespräch. Sie stellte eine kleine Spieluhr in die Nähe von Lunas Bett. Als sie spielte, drehte Luna ihren Kopf – nur ein wenig. Eine winzige Bewegung, aber echt. Julia las laut vom Flur aus vor, ihre Stimme ruhig, eine Präsenz, die nichts verlangte
Richard bemerkte etwas, das er nicht genau benennen konnte. Julia erfüllte das Haus nicht mit Lärm, sondern mit Wärme. Eines Abends sah er Luna, wie sie die Spieluhr in ihren kleinen Händen hielt, als hätte sie sich endlich erlaubt, sich etwas zu wünschen.
Ohne große Worte rief Richard Julia in sein Büro und sagte einfach nur: „Danke.“
Wochen vergingen. Das Vertrauen wuchs langsam.
Luna erlaubte Julia, ihr weiches, neues Haar zu bürsten. Und in einem dieser einfachen Momente brach die Welt auseinander.
Julia putzte sich gerade sanft die Zähne, als Luna plötzlich zusammenzuckte, den Saum von Julias Hemd packte und mit einer Stimme flüsterte, die klang, als käme sie aus einem Traum:
„Es tut weh… fass mich nicht an, Mama.“
Julia erstarrte.
Nicht wegen des Schmerzes – das wäre verständlich –, sondern wegen dieses Wortes
Mama.
Luna sprach fast nie. Und was sie sagte, klang nicht zufällig. Es klang wie eine Erinnerung. Wie eine alte Angst
Julia schluckte, legte den Pinsel langsam beiseite und antwortete leise, wobei sie den Sturm in sich verbarg:
„Schon gut. Wir hören jetzt auf.“
In jener Nacht konnte Julia nicht schlafen. Richard hatte ihr gesagt, Lunas Mutter sei tot. Warum also transportierte dieses Wort eine so präzise Emotion? Warum spannte sich Luna an, als erwarte sie einen Schrei? In den folgenden Tagen bemerkte Julia Muster. Luna zuckte zusammen, wenn jemand hinter ihr vorbeiging. Sie erstarrte, wenn bestimmte Stimmen lauter wurden. Und vor allem schien sich ihr Zustand nach der Einnahme bestimmter Medikamente zu verschlechtern.
Die Antworten begannen sich in einem Abstellraum zu formen.
Julia öffnete einen alten Schrank und fand Schachteln mit verblassten Etiketten, Flaschen und Fläschchen mit unbekannten Namen. Einige trugen rote Warnhinweise. Die Datumsangaben waren Jahre alt. Und ein Name tauchte immer wieder auf:
Luna Wakefield.
Julia machte Fotos und verbrachte die Nacht damit, jedes Medikament zu recherchieren, als suche sie nach Luft
Was sie fand, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.
Experimentelle Behandlungen. Schwere Nebenwirkungen. In einigen Ländern verbotene Substanzen.
Das war keine sorgfältige medizinische Versorgung.
Es handelte sich um eine Risikokarte.
Julia stellte sich vor, wie Lunas kleiner Körper Dosen erhielt, die für etwas ganz anderes bestimmt waren. Angst stieg in ihr auf – doch darunter verbarg sich etwas Stärkeres: ein reiner, schützender Zorn.
Sie hat es Richard nicht erzählt. Noch nicht.
Sie hatte gesehen, wie er am Fußende von Lunas Bett saß, als hinge sein Leben davon ab. Doch Luna war in Gefahr – und Luna vertraute ihr.
Julia begann, alles zu dokumentieren: Einnahmepläne, Dosierungen, Reaktionen. Sie beobachtete die Krankenschwester. Sie verglich die Fläschchen im Badezimmer mit denen im Lager.
Das Schlimmste war die Überschneidung.
Was eigentlich hätte eingestellt werden sollen, wurde immer noch verwendet.
Das Herrenhaus schien anders zu atmen, als Richard unerwartet Lunas Zimmer betrat und sie zum ersten Mal seit Monaten ruhig an Julia gelehnt sah. Erschöpft und verängstigt sprach er schärfer, als er beabsichtigt hatte.
„Was machst du da, Julia?“
Julia stand rasch auf und versuchte, sich zu erklären. Doch Richard, verletzt und verwirrt, glaubte, eine Grenze überschritten zu haben.
Dann geriet Luna in Panik.
Sie rannte zu Julia, klammerte sich fest an sie und schrie vor Angst auf, als würde sie um Sicherheit flehen:
„Mama… lass ihn nicht schreien.“
Die Stille, die darauf folgte, war nicht die übliche Stille des Hauses.
Es war eine Offenbarung.
Richard stand wie erstarrt da und erkannte zum ersten Mal, dass seine Tochter nicht nur krank war
Sie hatte Angst.
Und sie rannte nicht zu ihm.
