Während der Zeremonie hörte Helen kein Wort des Pastors. In ihrem Kopf spielten sich alle Gesten, alle Andeutungen ab, die sie jahrelang ignoriert hatte: der Druck, Dokumente zu unterschreiben, die Streitereien hinter verschlossenen Türen, Lauras Bemerkungen darüber, „wie schwierig es sei, zwei Häuser zu unterhalten“ oder „wie am besten es wäre, die Erbschaft zu vereinfachen“.
Michael hatte seinen Kindern immer vertraut. Sie auch. Doch der Tod verändert die Menschen, oder vielleicht offenbart er ihr wahres Ich. Als die Zeremonie zu Ende war, umringten Anna und David sie.
„Mama, wir brauchen deine Unterschrift unter den Dokumenten heute noch. Es ist wichtig“, sagte Anna und versuchte, sanft zu klingen.
„Das dauert nur einen Moment, und dann können wir uns selbst um alles kümmern“, fügte David hinzu.
Helen legte ihre Hand auf Lucas’ Arm.
„Ich unterschreibe heute nichts“, sagte sie entschieden. „Und ich möchte jedes Dokument mit meinem Anwalt durchgehen.“
Davids Gesichtsausdruck verhärtete sich augenblicklich. Annas aufgesetztes Lächeln zerbrach.
„Mama… das ist nicht nötig“, sagte Anna mit zusammengebissenen Zähnen.
„Ich denke schon“, antwortete Helen. „Und wenn es dir nicht gefällt, kannst du ja abwarten, bis das Gesetz entscheidet.“
David machte einen Schritt auf sie zu.
„Was wollen Sie damit andeuten?“
Helen erwiderte seinen Blick, ohne zu blinzeln.
„Dass ich lebe. Und dass ich die Absicht habe, das auch zu bleiben.“
Lucas drückte ihr tröstend die Hand. Laura, die alles aus der Ferne beobachtet hatte, kam näher, ihr Gesicht vor Ärger gerötet.
„Das ist doch lächerlich“, sagte sie. „Wir müssen nur noch die Formalitäten abschließen. Das ist alles.“
Helen trat einen Schritt zurück und achtete darauf, dass jeder sie hörte.
„Ich habe heute Morgen etwas in der Garage gefunden. Und die Polizei wird es auch finden. Deshalb rate ich Ihnen, Ihre Worte sehr sorgfältig zu wählen.“
Das darauf folgende Schweigen war eisig, beinahe gewalttätig.
Anna erbleichte. David knirschte mit den Zähnen. Laura vermied Augenkontakt.
Die Maske war zerbrochen.
Helen holte tief Luft.
„Ich gehe jetzt. Lucas und ich haben noch etwas zu erledigen.“
Und gemeinsam bahnten sie sich ihren Weg durch die murmelnde Menge.
Als sie zum Ausgang gingen, verspürte Helen zum ersten Mal seit Tagen so etwas wie Stärke. Sie war nicht besiegt. Sie war nicht allein. Und jetzt, da die Wahrheit ans Licht gekommen war, würde sie endlich die Kontrolle zurückgewinnen.
Der nächste Schritt wäre, mit einem Anwalt zu sprechen, den Vorfall zu melden und sich selbst zu schützen. Sie würde Michaels Tod nicht als Vorwand nutzen, um sich selbst zu zerstören.
Die Familie, die behauptet hatte, sie zu beschützen, hatte ihr wahres Gesicht gezeigt… aber sie hatte vor, sie vor allen bloßzustellen.
Und diesmal würde sie niemand zum Schweigen bringen.
