Die Zeit verging.
Mit einundfünfzig war ich ein erschöpfter Mann, umgeben von Geistern. Meine Hände zitterten. Mein Rücken schmerzte. Mein Herz fühlte sich leer an.
Dann klopfte es eines Nachmittags.
Eine junge Frau stand in einem Laborkittel auf meiner Veranda und hielt ein Tablet in der Hand. Ihre Augen – Elenas Augen – blickten mich an.
„Herr Morales“, sagte sie sanft, „ich bin Dr. Hannah Reed vom Cascadia Genetics Institute. Ich bin hier wegen Ihrer Tochter… Maya.“
Meine Knie hätten fast nachgegeben.
„Meine… Tochter?“
„Wir haben eine genetische Übereinstimmung bestätigt“, sagte sie. „Sie ist biologisch Ihre Tochter.“
Die Welt geriet aus den Fugen.
„Sie lebt?“, flüsterte ich.
„Ja“, sagte Dr. Reed leise. „Aber sie ist in einem kritischen Zustand. Nierenversagen im Endstadium. Sie braucht dringend eine Transplantation. Sie sind ein geeigneter Spender.“
Nicht nur hatte ich mich geirrt –
Ich hatte mein eigenes Kind zerstört.
Zu spät und immer noch nicht genug
Ich rannte ins Krankenhaus.
Durch das Glas sah ich sie: dünn, blass, umgeben von Maschinen. Immer noch Maya.
Eine Krankenschwester erklärte, man habe sie einst obdachlos gefunden. Später wurde sie von einem Paar adoptiert. Sie studierte Literatur. Wurde Lehrerin.
Bevor sie ins Koma fiel, hatte sie nur eines gesagt:
„Falls ich es nicht schaffe, suchen Sie bitte meinen Vater.“
Ich betrat den Raum.
Ihre Augenlider flatterten auf.
Sie sah mich an – und lächelte.
„Papa“, flüsterte sie. „Ich wusste, dass du kommen würdest.“
Ich brach neben ihrem Bett zusammen.
„Es tut mir so leid“, schluchzte ich. „Ich habe dich enttäuscht.“
Sie schüttelte leicht den Kopf.
„Ich wollte dich nur sehen.“
Ich habe die Einverständniserklärung sofort unterzeichnet.
„Nimm, was du brauchst“, sagte ich. „Rette sie.“
Die Operation dauerte sieben Stunden.
Als der Arzt sagte, dass wir beide überlebt hätten, weinte ich zum ersten Mal seit Jahren.
Doch die Hoffnung ist zerbrechlich.
Wenige Tage später stieß ihr Körper die Niere ab. Die Infektion kehrte zurück. Sie verfiel wieder in Dunkelheit.
Ich blieb neben ihr und flehte um Vergebung, bis meine Stimme versagte.
Dann, im Morgengrauen, ein Flüstern:
„Papa…“
Sie wachte auf.
„Du wirst nie wieder allein sein“, versprach ich.
Sie lächelte sanft.
„Lebe einfach gut. Das ist alles, was ich wollte.“
Wir hatten eine kurze Saison – gemeinsame Mahlzeiten, leises Lachen, Gespräche bei Sonnenaufgang.
Doch dann, eines Morgens, war ihre Hand kalt.
Maya ist friedlich eingeschlafen.
