Wie die letzten Worte meines Stiefvaters alles veränderten!

Wie die letzten Worte meines Stiefvaters alles veränderten!

Seine Tochter konnte nicht sofort kommen. Sie wohnte mehrere Stunden entfernt und hatte eigene Verpflichtungen. Ich habe ihr das nie übel genommen. Manche Entfernungen kann man sich nicht aussuchen – sie gehören einfach zum Leben dazu.

Ich verbrachte diese Tage an seinem Bett und lauschte dem gleichmäßigen Rhythmus der Maschinen, die jeden Herzschlag aufzeichneten. Er döste immer wieder ein und aus, drückte manchmal meine Hand, versuchte manchmal, den Schmerz mit schwachen Witzen zu lindern.

Er sprach selten von Angst, aber ich sah sie in seinen Augen, wann immer ein Arzt hereinkam. Ich versuchte, seinetwegen ruhig zu bleiben. Es schien mir das Mindeste, was ich für den Mann tun konnte, der mir in einer Zeit, in der ich beides so dringend brauchte, Struktur und Geduld geschenkt hatte, auch wenn wir nicht blutsverwandt waren.

Als er starb, zerbrach alles in langsamen, schweren Wellen. Seine Tochter kam zur Beerdigung – zurückhaltend, still, beherrscht. Sie grüßte mich mit einem höflichen Nicken, doch ihr Blick hielt eine vorsichtige Distanz.

Als wir über seinen Nachlass sprachen, erinnerte sie mich freundlich, aber bestimmt daran, dass ich nicht zu seiner leiblichen Familie gehörte. Alles war ihr vererbt worden. Ich akzeptierte das ohne Bitterkeit. Ich empfand keinerlei Anspruchsdenken. Meine Rolle in seinem Leben hatte nie etwas mit dem Erbe zu tun. Die Trauer selbst war Last genug.

Drei Tage später vibrierte mein Handy mit ihrem Namen. Ich ignorierte den Anruf beinahe, da ich annahm, sie bräuchte etwas vom Krankenhaus oder Unterlagen. Doch als ich abnahm, hörte ich nur ihr Schluchzen – echte, unverhohlene Trauer. Ich schwieg und gab ihr Zeit, sich zu beruhigen.

Sie erzählte mir, dass sie beim Durchsuchen seiner Sachen nach Dokumenten ein altes Fotoalbum entdeckt hatte, das hinten in einem Schrank versteckt war.

Zwischen zwei Seiten lag ein Brief. Er hatte ihn Wochen vor dem Herzinfarkt geschrieben, lange bevor wir beide ahnten, wie nah das Ende wirklich war.

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