Jeden Morgen ging ich zum Bauernmarkt. Dort trank ich Kaffee und sah mir Dramen auf YouTube an. Ich schloss mich einer Gruppe älterer Damen zum Zumba im Park an. Mittags las ich einen Krimi und abends sah ich mir alte Meryl-Streep-Filme auf DVD an.
Ruhig. Gelassen.

Matthew rief ab und zu an. Ich ging nicht ran. Ich bekam ein paar SMS: „Mama, wo bist du?“ – Ich löschte sie. Ich wollte kein schlechtes Gewissen haben. Ich wollte nicht reden.
Ich hatte bereits mein ganzes Leben gegeben. Jetzt war es an der Zeit, mir selbst etwas zurückzugeben.
Zwei Monate vergingen.
Zurück in Sacramento begannen sich die Dinge zu verändern.
Matthew wurde still. Kayla wurde milder. Aber wer war am meisten betroffen? Mein siebenjähriger Enkel Liam.
Er hörte auf zu lachen. Er aß kaum noch. Und jeden Morgen fragte er:
„Wo ist Oma?“
Matthew und Kayla hatten keine Antworten. Aber die Wahrheit war – er spürte die Leere.
Verschwunden war die Hand, die ihm abends über die Schulter klopfte. Verschwunden war die Stimme, die flüsterte: „Bete, mein Schatz.“ Verschwunden war die einzige Präsenz, die nie urteilte, nie etwas verlangte und immer da war.
Eines Tages hielt Matthew es nicht mehr aus. Er fuhr nach Nebraska, um meine Cousine Irene zu finden. Dort gestand er ihr:
„Tante Irene… ich habe sie im Stich gelassen. Ich habe Mama nicht verteidigt.“
Irene nickte nur und reichte ihm ein Foto von mir – ich trug Sandalen und ein geblümtes Kleid und lächelte, während ich mit anderen älteren Damen im Park tanzte. „Jetzt ist sie glücklich. Endlich.“
Am nächsten Tag fand er meine Wohnung. Draußen standen Geranien in Konservendosen. Ein Handtuch hing an einer improvisierten Wäscheleine zum Trocknen. Der Geruch von verbranntem Toast hing noch in der Luft.
Klopf, klopf.

Ich öffnete die Tür und hielt dabei eine Suppenkelle in der Hand.
